Flugversuche auf dem Brock

Am 29. Oktober 1909 berichtete der Billerbecker Anzeiger erstmalig
über die Flugversuche von Josef Suwelack:

 

“Schon seit einiger Zeit beschäftigt sich. Herr Josef Suwelack mit dem Bau einer Flugmaschine, wie solche schon in Berlin und Paris konstruiert sind. Wenngleich nun auch die erdachte Maschine in der Entwicklung begriffen ist, namentlich fehlt noch der Motor dazu, so sind doch schon einige Versuche damit angestellt, um die Maschine auf ihre Flugfähigkeit zu erproben. Diese Versuche waren zwar anfangs noch negativ, können aber jetzt schon mehr Erfolg aufweisen. Heute nun haben Versuche stattgefunden, wobei die Maschine tatsächlich auf einer Strecke von 60 m die Höhe von 10-12 m erreicht haben soll.” Zum Schluss wünscht die Zeitung dem Erfinder guten Erfolg.

 

Am 26. November 1909 berichtet die Heimatzeitung von einer Besichtigung des Suwelack’schen Flugapparates durch den Aviatiker Schlüter aus Frankfurt a.M. und durch Ausschussmitglieder des Luftschiffahrtvereins für Münster und das Münsterland.

 

28. November 1909 – „Leider war es ihnen nicht vergönnt, einen Gleitflug zu sehen, da der Wind ungünstig sich gedreht hatte und abgeflaut war. Bei einem Aufstieg ohne Personalbelastung stieg der Apparat nach Art eines großen Drachens einige Meter hoch, stürzte dann aber nach Zurücklegung einer beträchtlichen Strecke recht unsanft zur Erde, wobei die obere Tragfläche zerbrach. Mit einem inzwischen in Angriff genommenen neuen Apparat will er seine Gleitflüge noch einige Zeit fortsetzen, bis er dazu übergeht, einen Motoraeroplan zu bauen.“

Am 12. März 1910 nahm Josef Suwelack nach einer durch die Kälte bedingten Ruhepause seine Flugversuche in der sogenannten Dornau (großer Brock) wieder auf, diesmal mit einer von ihm selbst in der Schreinerwerkstatt Josef Kleideiter, Osterwicker Straße neu hergestellten Flugmaschine, ein Eindecker, mit 8,80 m Spannweite und einer Länge von 8,90 m. Diese Maschine wurde von einem 36-PS-Motor angetrieben und hatte mit Führer ein Gewicht von 300 kg. Höhen- und Seitensteuer waren am Schwanzende angebracht und konnten vom Führersitz aus bedient werden, der sich oberhalb der beiden Tragflächen hinter dem Motor und dem Propeller befand. Die Propeller hatten einen Gesamtdurchmesser von 2,10 m. Schienen von 1,20 m Höhe und 4 m Länge trugen den ganzen Apparat. Vor dem Abflug wird die Maschine auf eine 18 m lange Schienbahn gestellt und durch ein Seil mit einem 600 kg schweren Gewicht das in einem 8 m hohen Turm hängt, verbunden. Durch das fallende Gewicht wird der Apparat über die Schienen gezogen und erhält durch die Schwere des Gewichts die nötige Fluggeschwindigkeit. Zur Unterstellung der Flugmaschine hatte Suwelack auf der Städt. Weide an der Straßenseite – gegenüber dem Gehöft Wiethölter – einen Schuppen errichtet.

23. Juli 1910 – „Der Aviatiker Josef Suwelack jun. hat heute Billerbeck verlassen!”:

„Der Brock, bisher das Ziel so mancher Einwohner Billerbecks, liegt nun einsam und verlassen da. Außer dem städt. Kuhhirten und seiner Herde fällt es keinem mehr ein, seine Schritte dorthin zu lenken. Herr Suwelack hat sich einen anderen Platz für seine Flugversuche ausgesucht und zwar die Loddenheide bei Münster, welche sich schon durch die – allerdings missglückten – Flugversuche des Aviatikers Schlüter aus Frankfurt a.M. einigen Namen erworben hat. Am Samstag – Nachmittag gegen 4 Uhr verließ Herr Suwelack den Brock, um über Darup – Nottuln – Appelhülsen – Albachten nach Münster zu fahren, die gewaltige Zugkraft des Propellers als Zugkraft benutzend. Dieser “Überland” – Flug ist dem kühnen Aviatiker gelungen, allerdings mit einigen Hindernissen, die jedoch bei allen bis jetzt existierenden Luftfahrzeugen noch an der Tagesordnung sind. Die Flügel waren natürlich abmontiert und per Wagen zur Loddenheide gebracht. Die Fahrt ging bis Nottuln gut, wo ein kleiner Defekt am Hinterrad unter der Schwanzsteuerung einen längeren Aufenthalt zur Folge hatte. In Albachten zwang wiederum ein Defekt zu einem unfreiwilligen Aufenthalt, der wegen der eingetretenen Dunkelheit bis auf den folgenden Morgen (Sonntag) ausgedehnt werden musste. An diesem Sonntage wurde die letzte Strecke glücklich bis zur Loddenheide zurückgelegt. Auf der Fahrt durch Münster passierte Suwelack, wie der Münsterische Anzeiger berichtetet, in rasender Fahrt die Weseler Straße, Aegidiistraße, Rothenburg und die Königstrasse. Trotz der kolossalen Menschenmengen, die in Folge dieser Fahrt in Münster und anderen Orten zusammenliefen, ist auch nicht das kleinste Unglück zu verzeichnen. Die Überlandfahrt ist also gut abgelaufen, ein gutes Zeichen für die Güte des Motors. Hoffen wir jedoch bald aber etwas von einem Flug zu hören. Der Motor arbeitet ja gut, also was fehlt denn noch?”

28. August 1910 – Nach dem Berichte des Münsterischen Anzeigers hatten die Flugversuche des Aviatikers Suwelack auf der Loddenheide zu keinem positivem Resultat geführt, da der Motor den ihm gestellten Anforderungen nicht gewachsen sei; Suwelack arbeite an einem neuen Apparat, der mit einem 60 PS – Motor ausgerüstet werden solle.

 

28. März 1911 – Der Aviatiker Josef Suwelack hat inzwischen den Flugplatz Loddenheide bei Münster verlassen und sich nach dem großen Flugplatz in Johannisthal bei Berlin begeben. Dass seine Flugübungen erfolgreich fortschritten besagt eine Pressenachricht, wonach er auf dem genannten Flugplatz mit einem Eindecker dreimal eine Runde von 15 bis 20 Minuten in der Höhe von 10 bis 15 m geflogen ist.

Richard Suwelack (1891–1968) schildert seine Erlebnisse mit seinem Bruder Josef

In folgenden Zeilen möchte ich kurz die Geschichte der Fliegertätigkeit und Erfolge meines Bruders Josef schildern wie ich sie miterlebt habe.
Als im Jahre 1909 die Brüder Wright in Amerika mit ihrem Doppeldecker die Welt mit ihren Erfolgen in Aufregung versetzten, glaubte Josef, dass er das auch könne. Nachdem er zunächst aus Bambusstäben ein Modell gezimmert hatte, erteilte Vater die Genehmigung, in der Werkstatt des Schreinermeisters Kleideiter in der Osterwicker Straße ein Gleitflugzeug zu bauen, womit die ersten Gleitflüge versucht werden sollten. Ein primitiver Sitz, Höhen- und Seitensteuer und Gleitkufen waren außer den Tragflächen die ganzen Bestandteile. Auf Möllerings Hügel wurde ein Holzturm errichtet, bei Biermann ein Amboss geliehen und am Boden zwei Gleitschienen mit brauner Seife beschmiert. Vater, der alte Lewing, Kleideiter mit zwei Gesellen und ich waren die Helfer.

Der Amboss wurde mit allen Kräften 8 m hochgezogen und sollte mit seiner Fallgeschwindigkeit das Flugzeug auf den schräg nach oben gerichteten Schienen in die Luft schleudern. Aber es klappte nicht. Der Amboss war viel zu leicht um eine entsprechende Anfangsgeschwindigkeit zu erzielen. Aber Josef ließ sich nicht entmutigen. Auf der städtischen Weide im Brock wurde ein Schuppen gebaut und ein verbesserter Gleitflieger zusammen gezimmert. In Rorup gab es eines der ersten Autos des Kreises Coesfeld. Der Besitzer erklärte sich bereit, den Wagen zur Verfügung zu stellen, um das Gleitflugzeug von den Schienen zu ziehen. Aber auch das ging nicht, die Anfangsgeschwindigkeit war zu gering. Dann kam er auf den Gedanken durch ein paar Pferde den Start zu vollziehen. Mersmann wurde mit seinem mit zwei Pferden bespannten Landauer bestellt. Wesentlich war, die Pferde so anzutreiben, dass sie mit einem Sprung in vollen Galopp fielen. Mersmann gelang es nicht.

 

Dann setzte ich mich auf den Bock. Hinten im Wagen hielten Miltrup und Deno die Leine. Auf einen Pfiff von Josef schwang ich die Peitsche, die Pferde bäumten auf und im Galopp ging es vorwärts. Hinter mir hörte ich die Rufe „He flögg, he flögg!“ Aber die beiden Männer konnten die Leine nicht mehr halten. Miltrup hielt aber fest und flog dann in hohem Bogen hinten aus dem Wagen.
Aber der erste Start war gelungen und die Zuschauer begeistert. Einer seiner treuesten Freunde im Brock war Adolf Rave jun.
Im übrigen Deutschland war aber inzwischen eine ganze Reihe von Konstruk-teuren an der Arbeit. In Berlin Johannisthal war der erste Flugplatz bereits in Betrieb.

 

Josef baute nun sofort ein Motorflugzeug, nachdem es ihm gelungen war, in Dresden einen Motor zu erwerben.
Aber alles ging ihm nicht schnell genug. Die Weide im Brock war zu uneben, so dass bei den Startversuchen das Fahrgestell immer wieder Schaden litt. Trotzdem hat er mehrere kurze Sprünge gemacht und einmal einen Flug von einigen 100 m gemacht.

In Münster auf Loddenheide war ein Farmann-Doppeldecker mit dem Flieger Schlüter untergebracht, der aber nie dort geflogen hat, weil der Platz keine richtige Start- und Landebahn hatte. Josef glaubte jedoch dort weiterzukommen. Er montierte die Flügel ab, verpackte sie auf das Rumpfstück, sein Monteur Hofmeister legte sich in einer Hängematte darunter, und er rollte mit Motor und langsam laufenden Propeller über die Landstraße nach Münster. Zwischen Nottuln und Appelhülsen scheuten die Pferde des Postwagens und der Wagen landete im Straßengraben. Nachdem in Münster selbst noch ein Milchwagen aus gleichen Gründen umgekippte, landete er auf Loddenheide, aber auch dort kam er nicht zum fliegen.
Der Motor war zu unzuverlässig. Er hat dann in Dresden selbst in der Motorenfabrik ein neues aus Stahlrohren geschweißtes Flugzeug gebaut. Er ist auch damit geflogen. Aber bei einem Versagen des Motors stürzte er damit ab ohne selbst Schaden zu nehmen.

Kurzentschlossen fuhr nach Berlin. Dort hatte ein Schultze Herford einen Doppeldecker gebaut. Aber von den in Berlin vorhandenen Fliegern wollte niemand hiermit fliegen. Josef setzte sich in die Maschine, flog zwei Runden um den Flugplatz und landete wohlbehalten wieder vor dem Schuppen.
Als Hellmuth Hirth und Rumpler das gesehen hatten, boten sie Josef die Stelle eines Fluglehrers an. In wenigen Stunden war ein Vertrag fertig, und so wurde der junge Mann aus Westfalen einer der ersten und besten Flieger der Rumpler Taube.
Ich fuhr in Vaters Auftrag nach Berlin und machte dann mit Josef meinen ersten Flug mit der Taube, der eine halbe Stunde dauerte, damals ein Erlebnis.
Für Josef begann eine sehr anstrengende Tätigkeit als Flieger und Fluglehrer. Der Andrang von Flugschülern bei Rumpler war sehr groß, zumal auch die Heeresverwaltung die ersten Offiziere ausbilden ließ. Prinz Heinrich, ein Bruder des Kaisers, interessierte sich sehr für die Fliegerei, stiftete Preise für Konkurrenzen (Prinz-Heinrich-Flug) und viele Städte veranstalteten Flugtage. Große Firmen stifteten große Summen wie zum Beispiel für einen Flug München – Berlin 50.000 Mk (Kathreiner-Preis).

 

Da Josef durch seine fliegerische Tätigkeit sehr in Anspruch genommen war, musste ich häufig nach Berlin um persönliche und geschäftliche Angelegenheiten für ihn zu ordnen. Er wohnte mit Hirth zusammen im Bürgergarten in Johannisthal ständig umlagert von Journalisten, Künstlern und vor allen Dingen sensationslüsternen Damen. Wenn ich da war, musste ich ihn vor diesem Ansturm schützen und machte so meinerseits manche interessante Bekanntschaft.
Josef bestritt bestritt neben seiner Tätigkeit als Fluglehrer Konkurrenzen und Flugtage: Dresden, Hannover, Ostpreußen Flug, Münster und viele andere. Hohe Militärs, Prinzen und andere Prominente waren seine Fluggäste. Der damalige Präsident von Mexiko Porfirio Díaz machte mit ihm seinen ersten Flug und um-armte ihn begeistert. Im Oktober 1911 hatte man in Münster einen Flugtag arrangiert. Josef war mit einer Rumpler Taube da. Aber das Wetter war schlecht, 11 s/m Wind. Keiner seiner Kollegen wollte fliegen. Er war aber in seiner Heimat und wollte nicht vergebens dorthin gekommen sein. Er startete und flog nach einigen Runden nach Billerbeck, umkreiste dort die Domtürme und setzte dann die Maschine vor der Tribüne des Rennplatzes ohne Schaden auf. Freunde aus der Luftfahrtvereinigung Münster hoben ihn auf ihre Schultern und trugen ihn an der jubelnden Menge auf den Tribünen vorbei.
Am 8. Dezember 1911 machte er den Dauer-Weltrekord mit Passagier mit 4 h 34 min. Diesen Rekord hat er mehrere Jahre gehalten und wurde dadurch auch international als Flieger bekannt.

In Essen an der Ruhr gab es einen rheinischen Luftfahrtverein, in dem der Freiballonsport sehr rege betrieben wurde. Man hatte in Gelsenkirchen Rotthausen eine Trabrennbahn eingerichtet, von der auch Freiballonfahrten unternommen und 1911 auch die ersten Flugtage veranstaltet wurden.
Kommerzienrat Goldschmidt und Ernst August Schröder hatten Josefs Erfolge in Berlin gesehen. Sie fassten den Plan auch hier im Westen eine Flugzeugfabrik zu errichten und glaubten in Josef den geeigneten Mann gefunden zu haben. So wurden 1912 die Kondor-Flugzeugwerke auf dem Gelsenkirchener Flugplatz ins Leben gerufen und Josef zum Direktor ernannt. Da er aber in seinem Vertrag mit Rumpler ein halbes Jahr nach seinem Austritt zu keiner anderen Firma herüber wechseln durfte, kaufte er sich einen Aviatic Eindecker um damit Konkurrenzen zu bestreiten. Im Stillen arbeitete er jedoch schon an seinem Kondor und kurze Zeit nach Ablauf der Karenzzeit war die erste Maschine fertig und Ende 1912 machte er die ersten Flüge mit dem Kondor.

 

Ein zweiter Apparat mit verschiedenen Verbesserungen war inzwischen fertig gestellt. Ein Bericht in der Zeitschrift „Flugsport“ vom Januar 1913 schildert sehr anschaulich die guten Erfolge mit dieser Maschine. Oberleutnant z.S. Bertram flog die Maschine und war sehr begeistert. Bei diesen Vorführungen war Generalleutnant von der Goltz anwesend und äußerte sich sehr anerkennend.
Aber überall in Deutschland und in der Welt wurden neue Maschinen gebaut. Als Käufer kamen aber nur das Heer und die Marine infrage, die jedoch nur eine begrenzte Anzahl von Typen einstellten, so dass es schwer war die Flugzeugfabriken rentabel zu gestalten.

 

Die Kondorwerke hatten in Spanien über die Goldschmidt AG gute Beziehungen zu dem spanischen Vertreter dieser Firma. Herr Pujol hatte berichtet, dass Spanien für den Marokko Krieg größere Mengen Maschinen kaufen wollte und eine internationale Konkurrenz ausgeschrieben hatte. Josef ließ zwei Maschinen nach Spanien verladen und nahm persönlich an diesem Wettbewerb teil und zwar mit großem Erfolg. In einem Telegramm vom 19.2.1914 teilte er mit, dass er sämtliche Bedingungen am besten erfüllt hätte. Die größte spanische Zeitung El Mundo veröffentlichte auf der Titelseite mit einem großen Bild von Josef einen langen Artikel über den Condor. Inzwischen stellte sich heraus, dass Spanien einen Auftrag über 300 Maschinen erteilen wollte unter der Bedingung dass diese in Spanien gebaut würden. Das setzte natürlich die Errichtung eines Zweigbetriebes voraus. Josef war 1914 monatelang in Spanien und hat es fertig gebracht durch Vermittlung des Herrn Pujol in Barcelona eine Bootswerft ausfindig zu machen, in der die Fabrikation aufgenommen werden konnte. Sechs Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte er einen Auftrag von 300 Maschinen in der Tasche. Dann kam der Krieg. Josef muss am ersten Mobilmachungstag zur Feldfliegerabteilung 24 nach Dresden und rückte dann mit dieser Abteilung an die Westfront.

 

In dieser Abteilung blieb er bis zu seinem Tode. Am 13. September 1915 kam er von einem Flug nicht zurück. Wie aus den Berichten hervorgeht ist er im Luftkampf mit seinem Begleiter Leutnant Teichmann fürs Vaterland gefallen. Er wurde von den Engländern mit allen militärischen Ehren begraben. Sie warfen sogar über dem Flugplatz Lille seine Brieftasche und Orden ab. Als wenn er seinen Tod geahnt hätte, schrieb am 12. September 1915 einen Abschiedsbrief an seine Eltern und Geschwister. Diesen Brief hatte er seinen Kommandeur übergeben mit der Bitte ihn an uns zu senden wenn er fallen würde. Briefe seines Kommandeurs, Abschriften der englischen Briefe und vor allen Dingen die Abschrift eines Artikels im Matin vom 16. September schildern anschaulich den Luftkampf über den englischen Linien von dem er nicht zurück kam.